Auf ein Wort: Die Symphonie der Stille

Ein furioses Finale: fortissimo, frenetico, feroce, aufsteigend, aufbrausend, aufrührend und subito – Stille, Schweigen, Silentium. Der Tag, nachdem ein Gebet gesprochen wurde, aber keine Antwort kam. <tacet> Der Tag, nachdem eine Seele am Boden zerstört wurde und es keine Anzeichen gibt, dass sie sich je wieder erheben wird. <lacrimosa> Der Tag, der sich wie schweres Blei auf unsere Seele legt und den letzten Funken Lebensfreude erstickt. <vibrato> Karsamstag, der Tag dazwischen – zwischen Verzweiflung und Freude, zwischen Verwirrung und Klarheit, zwischen Finsternis und Licht. <indeciso> Das Adrenalin ist weg, der Schrecken vorbei und die Gewissheit reift – irgendwie muss es weitergehen. <lento> Noch einmal in Erinnerungen schwelgen, Hoffnungen und Träume, die Welt zu verändern. Der Versuch zu verstehen, wie das passieren konnte. Ikarus Abschied vom Fliegen. Heute ist der Tag, an dem unser Traum gestorben ist. <con dolore> Wir wachen auf und stellen fest, dass wir immer noch leben, dass wir irgendwie weiter müssen, wissen aber nicht wie und wozu. <poco a poco> Der Tag von Gottes Schweigen… Sie verlieren Ihre Arbeitsstelle. Sie verlieren Ihre Gesundheit. Sie verlieren Ihren Freund. <molto triste> Das Leben scheint wie ein einziger Unglückstag, der sich endlos wiederholt. <da capo> Mutlos, einsam, resigniert – unser Tod hat viele Namen. <senza tempo> Wir können uns für Verzweiflung entscheiden. Mit Enttäuschungen leben lernen, still, heimlich, zurückgezogen – besser wird’s nicht mehr. Am besten nie wieder auftauchen. <desolato> Oder wir können uns für Verleumdung entscheiden, billige Erklärungsversuche, gemimtes Maskenspiel, verdrängtes Menschsein. <capriccioso> Es gibt aber noch einen dritten Weg: Warten. Fragen, Jammern, Klagen, ja, und doch vertrauen. <crescendo> Gott, warum hörst du mich nicht? Gott, wo bist du? <ostinato> Gott wir lassen dich nicht los, bevor du uns nicht gesegnet hast! <ritardando> Glauben suchen und Leben finden. Hinabgestiegen in das Reich des Todes, so sprechen wir im Glaubensbekenntnis. An jenem Tag ist Jesus hinabgestiegen, um jedes Leid und jeden Tod zu durchleben, um uns zu retten. <libero> Er hat den Tod bezwungen, weil er sich ihm unterworfen hat. Karsamstag – Gott ist tot, begraben, es ist vorbei. Es bleibt nichts anderes, als zu warten und auf Gott zu vertrauen. <largo> Etwas, was wir niemandem delegieren können, Hoffnung und Zuversicht. Heute wissen wir, dass Ostern kam, am dritten Tag ist die Hoffnung geboren worden. Eine neue Grundlage, auf die unser Leben aufbaut. Gestern geschah das Unheil und am dritten Tag kommt die Rettung. <adagio> Auf ein Wort: darin sollen wir uns stärken in Zeiten der Not, wenn der Unstern nicht weichen will, wenn dumpfe Mutlosigkeit unsere Kraft aufzehrt, wenn Gott stumm ist. <declamando> Lassen wir ihn nicht los. Vielleicht steht unsere Errettung kurz bevor? Ostersonntag, der Tag, an dem Gott alle Tränen abwischen wird, an dem Gott sein wird alles in allem. Bis dahin ist Karsamstag – ein Tag zwischen Gestern und Morgen. <placido> Mit Tränen im Gesicht blinzle ich der Sonne entgegen und mein Herz lauscht – der Symphonie der Stille…. <fine>.

-Stefan Harrer-

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